Dynamiken queerer Beziehungen verstehen
Eine psychodynamische Einführung in die queersensible Paarberatung und -therapie
Queere Paare bringen spezifische psychodynamische Dynamiken in Beratungs- und Therapiekontexte ein, die häufig eng mit gesellschaftlichen Bedingungen und frühen Beziehungserfahrungen verknüpft sind.
Ein zentrales Thema sind frühe Bindungserfahrungen, die bei vielen queeren Menschen von Unsicherheit, Verheimlichung oder Abwertung durch das soziale Umfeld gekennzeichnet waren. In Paarbeziehungen kann sich dies in einer starken Ambivalenz zwischen dem Wunsch nach symbiotischer Verschmelzung und dem Bedürfnis nach Autonomie äußern, nicht zuletzt weil queere Beziehungen ein Experimentierfeld für Nähe-Distanz-Verhältnisse sein können. Aktuelle Beziehungskonflikte reinszenieren dabei nicht selten alte Zurückweisungen. Für Berater*innen ergeben sich daraus spezifische Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene, etwa wenn sie als queere Figur oder Elternersatz besetzt werden.
Ebenfalls prägend kann die internalisierte Queerfeindlichkeit sein, die oft mit unbewussten Anteilen von Selbstabwertung, Ekel, Schuld oder Scham verbunden ist. In Partner*innenschaften zeigt sich dies beispielsweise in Projektionen, Idealisierungen oder Entwertungen des eigenen queeren Selbst oder der Partner*in. Auch Identitätskonstruktionen und Beziehungsideale sind mit unbewussten Konflikten verwoben. Manche Menschen entwickeln eine Gegenidentität, während andere in Über-Ich-Konflikte zwischen Loyalität zur Community und individuellen Wünschen geraten.
Konzept
Aus psychodynamischer Sicht können queere Beziehungen dazu beitragen, starre Polaritäten (z.B. aktiv/passiv, männlich/weiblich, gebend/nehmend) aufzubrechen. So können queere Partner*innenschaften Erfahrungsräume eröffnen, in denen Ambivalenzen ausgehalten und neue, heilsame Beziehungserfahrungen gemacht werden, die mit normativen Beziehungsvorstellungen brechen. In Partner*innenschaften können sich aber auch Rollenzuschreibungen zeigen, die aus heteronormativen Mustern übernommen sind, etwa in Fragen nach Dominanz, Geschlechterrollen oder Machtverteilungen.
Hinzu kommen transgenerationale Traumata und historische Lasten, die queere Menschen kollektiv tragen: Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen, HIV/AIDS und familiärer Ausschluss prägen unbewusst bis heute. In Paarbeziehungen zeigen sich Loyalitäten, Schuldgefühle oder Verstrickungen mit familiären und gesellschaftlichen Narrativen.
In dem zweitägigen Seminar setzten wir uns damit auseinander, welches Hintergrundwissen, welche Haltungen und konkreten Interventionen die therapeutische Arbeit mit queeren Paaren unterstützen können und wie eigene (unbewusste) heteronormative Annahmen entlarvt und abgebaut werden können. Neben der Wissensvermittlung, der Selbstreflexion des therapeutischen Vorgehens und dem fachlichen Austausch erproben wir in Methoden und Rollenspielen die praxisnahe Umsetzung der Grundlagen einer queersensiblen Paartherapie.
Literaturhinweis:
Hahne, Alexander und Haskamp, Jana: Sexual- und Paarberatung mit trans und nicht-binären Menschen. Praxisorientierte Empfehlungen und erfahrungsbasierte Perspektiven. Psychosozial-Verlag 2025.
Zielgruppe
Paarberater:innen und -therapeuten:innen, Psychotherapeut:innen, Sozialarbeiter:innen, Lebensberater:innenSa., 04.07.2026 | bis 17:00 Uhr
10117 Berlin
Dozent:in(nen)
Auguststr. 80
10117 Berlin

